Home > Nachrichten

Nachrichten und Stories

26.03.2007 - Zersenay Tadesse entthront Kenenisa Bekele

Eine eindrucksvolle Serie findet auf dem Mombasa Golf Course ein unerwartetes Ende – Wenig sportliches Verhalten der kenianischen Zuschauer – Junges AK-Team überzeugt alle Kritiker

War schon der 26-Sekunden-Vorsprung von Lornah Kiplagat, die in ihrer einstigen Heimat Kenia mit einem eindrucksvollen Tempodiktat das äthiopische Trio mit Titelverteidigerin Tirunesh Dibaba, Meselech Melkamu und der Kurzdistanz-Weltmeisterin Gelete Burka zermürbte, eine Überraschung, die weitaus größere sollte im abschließenden Männer-Wettbewerb bei den 35. IAAF-Cross-Weltmeisterschaften in der kenianischen Hafenstadt Mombasa folgen: In einem eindrucksvollen Zweikampf zwischen dem fünfmaligen Langdistanz-Weltmeister Kenenisa Bekele und dem Straßen-Weltmeister Zersenay Tadesse kündigte eingangs der Schlussrunde die gewohnte Tempoverschärfung des Äthiopiers einen neuerlichen Erfolg des weltbesten Langstrecklers an. Doch wenig später wendete sich das Blatt, auf dem Weg zum sechsten Langstrecken-Crosstitel zeigte Bekele ungewohnte Schwächen, musste seinen Tempovorstoß jäh abbrechen und wurde von seinem eriträischen Rivalen ein- und überholt. Wenig später ging Kenenisa Bekele aus dem Rennen – und der Weg zum Sensationserfolg des 25jährigen Straßen-Weltmeisters war frei!

Junges Keniateam überraschte die Kritiker
Mit dieser unerwarteten Wende im Männer-Langstreckenrennen über 12 km hatten diese 35. IAAF-Cross-Weltmeisterschaften ihren kaum erwarteten sportlichen Höhepunkt. Ihre Sensation. Mit fünf von acht möglichen Goldmedaillen sorgten die Hausherren auf dem idyllisch gelegenen Crossparcours auf dem Gelände des Mombasa Golf Club vor den Augen ihres Staatspräsidenten Mwai Kibaki für eine unerwartet große Goldausbeute. Vor allem überrascht die unerwartet klare Dominanz der jungen Männermannschaft gegen die starke Konkurrenz aus Äthiopien, Eritrea, Uganda, Quatar, was im Vorfeld bereits zu erheblicher Kritik Anlass gegeben hatte. Für ihre ostafrikanischen Nachbarn Eritrea und Äthiopien gab es bei diesen „Kenia-Spielen“ lediglich einmal Gold. Der achte WM-Titel ging an die Niederlande. Dank Lornah Kiplagat sicherte sich Europa fünf Jahre nach dem Erfolg von Paula Radcliffe wieder einmal einen Cross-WM-Titel, wohl wissend, dass die gebürtige Kenianerin Lornah Kiplagat allerdings erst durch die Heirat mit Pieter Langerhorst die niederländische Staatsbürgerschaft erhielt.

Pater Colm: „Nicht auf Silber eingestellt“
„Kenenisa Bekele war nicht eingestellt, nur Silber zu gewinnen“, äußerte sich der irische Pater Colm O’Connel, der in seiner über dreißigjährigen Trainerlaufbahn an der St. Patrick’s High School in Iten eine kaum zu überblickende Schar von Weltklasseathleten formen konnte, zum unerwarteten Ende des großartigen Zweikampfes zwischen dem Laufstar aus Äthiopien und seinem Herausforderer aus der abgespalteten einstigen Provinz Eritrea. Schon im Vorfeld schien sich alles nur darum zu drehen, mit welcher scheinbaren Leichtigkeit der erst 24jährige Topstar der Laufszene die ebenfalls es bislang auf fünf Langstreckenerfolge bringenden John Ngugi und Paul Tergat als alleiniger Spitzenreiter ablösen würde.

Just in dem Moment, als Bekele am Streckenrand stehen blieb, schienen Tausende von Kenianern diesen unverhofft zu Gold laufenden Tadesse sprichwörtlich adoptieren zu wollen, so jubelten sie dem Bekele-Bezwinger zu. Dahinter eine eindrucksvolle Phalanx aus Kenia: Moses Mosop vor Kipyego Kiprop, Gideon Ngatuny, Hosea Macharingyang und Michael Kipyego, keiner älter als 23 Jahre! Der fünffache Crossweltmeister Paul Tergat, der für eine französische TV-Station als Co-Kommentator vor Ort tätig war, freute sich verständlich über den unerwarteten Ausgang, insbesondere aber über seine jungen Landsleute. „Wir wussten, dass in Mombasa alles möglich sein würde. Es freut mich, dass eine neue junge Brut unterwegs ist, die die Langstrecke künftig beherrschen kann!“

Debakel für Äthiopiens Langstreckler
„Eritrean runs away with title from Bekele“ titelte das kenianische Blatt „Nation“ am Sonntag in großen Lettern den Coup des 25jährigen Tadesse, der praktisch erst mit dem Gewinn der Straßenlauf-Weltmeisterschaft im vergangenen Oktober in das große Rampenlicht treten konnte, obgleich er als Cross-Vizeweltmeister in Fukuoka und als 10 000 m-Olympiadritter schon beachtliche internationale Erfolge vorzuzeigen hat. „Ich wusste natürlich nicht, was mit Bekele los war, als ich zum Konter ansetzte“, gestand Zersenay Tadesse im Ziel. „Ich habe gewonnen und bin sehr glücklich“. Bekele hatte das dramatische Rennen mit einem unvermindert auf das Tempo drückenden Tadesse verloren und gab letztlich angeknockt im Moment des auf den Kopf gestellten Rennens ohne sichtliche Blessuren aus dem Parcours. Schockiert natürlich die äthiopischen Anhänger, viele mit Tränen in den Augen. Chefcoach Cudre Woldemeskel dürfte sich sein letztes „Amtsjahr“ sicherlich anders vorgestellt haben. Das Debakel von Mombasa jedenfalls ist nicht alleine an dem vorzeitigen Ausstieg von Bekele festzumachen, denn mit Abebe Dinkesa, Solomon Tsige, Tadesse Tola und Kenenisas Bruder Tariku gingen gleich vier (!) weitere Läufer seines Teams vorzeitig aus dem Rennen. Zu allem Überfluss gab es zuvor schon handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Athleten und dem Betreuerstab im Mannschaftshotel.

Der neue Cross-Champion Tadesse hingegen sprach bereits bei einer eher chaotisch verlaufenen Pressekonferenz von einem „historischen Sieg“ für ihn und für sein Land, auf das sich für die Zukunft weiter aufbauen lassen wird. „Kenia und Äthiopien haben lange genug die Langstrecke dominiert. Es ist nun einfach Zeit, ein Teil des Kuchens für uns zu bekommen!“

Besonders tragisch ist sicherlich für Kenenisa Bekele der Umstand, dass er nach glanzvollen Auftritten in der Halle wenige Wochen erst vor der Cross-WM seine ursprüngliche Absage in eine Startzusage revidiert hatte. Und dies auch noch am Vortage bei einer Pressekonferenz mit IAAF-Präsident Lamine Diack ausführlich erläuterte: „Eigentlich waren es mehrere Gründe, weshalb ich meine Entscheidung zurückgenommen habe. Einmal wollten meine Anhänger mich sehen, zum anderen aber auch der Verband. Ein weiteres kommt hinzu: Weshalb sollte ich auf einen Start verzichten, wenn ich das Gefühl habe, gut laufen zu können?“ Man kann es drehen und wenden wie man will, das hinter dem Namen Kenenisa Bekele stehende „dnf“ (did not finish) in der offiziellen Ergebnisliste bedeutet die erste Niederlage für den 24jährigen Ausnahmeläufer, der in seiner beispiellosen Karriere schon so unglaublich viele Erfolge zu verzeichnen hat.

Wilfried Raatz


>> zurück